Hypermedien - Hypercard und Hyperwave

eine Vorlesung von

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff

Dieses Dokument enthält eine Vorlesung von Prof. Dr. Debora Weber-Wulff vom 6. Juli 2000 für den Kurs "Hypermedien" des Studienganges "Druck- und Medientechnik" der Technischen Fachhochschule Berlins. Die aktuelle Version und andere Informationen sind auf ihrer Homepage verfügbar.

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff lehrt Hypermedia, Ada und Java Programmierung, Software Engineering, Compilerbau und verschiedene Internetthemen. Sie ist sehr aktiv im Bundesleitprojekt Virtuelle Fachhochschule und vielen Internet-Projekten.

Hypercard

Hypercard ist seit 1987 Standard bei Macintosh Systemen. Das MacOS wurde mit einem Hypercard Autorensystem ausgeliefert, hierfür fielen also keine zusätzlichen Kosten an. Das System stammt von Bill Attinson.

Bei Hypercard gibt es Stacks (Stapel) von Cards (Karten). Eine Card ist ein Feld, in dem nicht gescrollt werden kann, alle Informationen sind auf dieser Seite sichtbar.

Eine Card besteht aus Bildern, Text und Knöpfen. Knöpfe können auf andere Karten springen, und auch beispielsweise Musik- oder Soundeffekte abspielen. Bilder und Texte können auch auf andere Karten verweisen, also Links darstellen. Später kamen Pop-Up Menüs dazu, sichtbare und versteckte Felder für Radiobuttons und andere Elemente wurden ermöglicht.
Die Flexiblität wird vervollständigt, indem eine eigene Scriptsprache verfügbar ist, nämlich Hypertalk.
Hypercard ist sehr beliebt, und wird von vielen für kleine Präsentationen oder Erklärungen benutzt, viele Stacks sind online im Internet verfügbar. Es gibt viele Bücher dazu. Ein beliebter Slogan ist:

"Programming for the rest of us."

Im Hypercard-Modell besteht eine Card aus drei Ebenen. Man kann sich diese wie durchsichtige Folien vorstellen, auf denen Elemente angebracht sind. Auf der untersten Ebene steht der Text. Darüber liegt eine Ebene, zu der Bilder angehören, dadurch können Bilder und Text gemeinsam verwendet werden. Darüber ist eine Ebene, die die Knöpfe bzw. Links enthält. Dadurch können Bilder oder Textstellen Linkquellen sein.

In letzer Zeit bekam Apple's "Quicktime" die Fähigkeit, Hypercards darzustellen. Damit können diese Stacks auch unter dem weit verbreitetem Desktop-System "Windows" der Firma Microsoft betrachtet werden.

Nachteilig an Hypercard ist, daß Links und Linkquelle auf verschiedenen Ebenen liegen. Ändert man Text, der eine Linkquelle darstellt, so müssen Änderungen auf zwei Ebenen gemacht werden. Hypercard ist nicht netzwerkfähig, der gesammte Stack muß auf einem Rechner vorhanden sein, z.B. in dem er vollständig downgeladen wurde. Es handelt sich um ein proprietäres System, daß nicht weitreichend bzw. plattformübergreifend verfügbar ist. Für große Datenmengen ist das System nicht unbedingt verwendbar.

Hyperwave

Hyperwave ist ein Datenbankgestützter Aufsatz für das World Wide Web, der das HTTP Protokoll (RFC 1945, RFC 2068) verwendet. Da die Daten im HTML Format (http://www.w3.org/TR/html/) übertragen werden, kann ein Standard Browser (z.B. der Netscape Navigator) als Anzeigeprogramm verwendet werden.

Hyperwave ist ein High-End Produkt, das auf den professionellen Markt abzielt, und leider entsprechend teuer ist.

Statische Strukturen

Viele Nachteil statischer Strukturen können umgangen werden. Statische Strukturen können dazu führen, daß die Benutzerin die Übersicht verliert ("Lost in hyperspace"), da viele Links vorhanden sind. Der leider sehr bekannte HTTP Statuscode "404 - not found" tritt häufig auf, weil Dokumente, die zum Zeitpunkt des Erstellens vorhanden waren, nicht unbedingt noch existieren müssen, wenn eine Benutzerin die Daten anfordert. Nicht verlinkte Seiten ("Orphans") treten auf und werden zu Geisterseiten, die nie betrachtet werden, und nicht gefunden werden können. HTTP implementiert nur ein umständlich und aufwendig verwendbares Security Model, dabei gibt es kaum Ansätze für zentrales Managment. Benutzerabhängige Sichten sind nur schwer erstellbar, denn dazu muß jede Sicht unabhängig und vollständig vorher gesondert erstellt werden. Es führt zum "Spaghetti-Web".

Dynamische Strukturen

Hyperwave verwendet dynamische Strukturen, die im Moment des Abrufens aufgebaut und validiert werden. Bei Bedarf erstellt der Server die angeforderten Seiten unter Berücksichtigung dynamischer Parameter. Links werden nur eingefügt, wenn sie gültig sind, in der aktuellen Sicht benötigt werden und auf anzeigefähige Seiten zeigen. Die Konsistenz wird dabei garantiert. Mehrfache Sichten sind möglich, so können verschiedene Sprachen implementiert werden, und auf bestimmte Zielgruppen kann besser eingegangen werden. Indexes können automatisch erstellt werden, so daß diese immer konsistent sind. Verschiedene Methoden der Navigation werden angeboten, z.B. Baumartige Navigation ("tree navigation").

Aus Autorinnensicht wird das Verwalten einfacher, Daten können zeitabhängig angeboten werden, so daß keine veralteten Informationen erscheinen, Dokumente können nämlich automatisch nach einer Zeitspanne entfernt werden. Das System ist sicherer, da Berechtigungen verteil- und verwaltbar sind, das gemeinschaftliche Erstellen und Pflegen von Daten ist möglich.

Structural Elements

Mehrere Strukturelemente sind verfügbar:
Elemente wie Sequenzen und Container können sich selbst beinhalten. Fehlen Rechte auf bestimmte Elemente, so werden diese nicht angezeigt und auch nicht verlinkt. Die Benutzerin merkt nicht, daß sie keinen Zugriff auf bestimmte Informationen hat, da es keine Hinweise oder Fehlermeldungen gibt. So bleiben die Seiten konsistent, selbst wenn Rechte entzogen werden oder Dokumente veraltet sind und automatisch entfernt wurden, ohne das die Autorin manuell eingreifen muß.

Separate Information und Präsentation

Wie vielfach abstrakt gefordert, sollten Informationen von deren Präsentationen getrennt werden. Das ist logisch, wenn man bedenkt, daß die Präsentation der Informationen nur eine ausgewählte aus den unendlich vielen Möglichen ist. Informationen für sich genommen haben kein Aussehen, keine bevorzugte Darstellung. Natürlich sind bestimmte Informationen für Menschen in bestimmten Präsentationen besser verständlich, als in anderen, aber selbst hier gibt es Unterschiede zwischen den Menschen. Technisch ist es möglich, Informationen redundanzarm zu speichern, und je nach Anforderung in eine bestimmte Darstellung umzuwandeln.

Die Autoren konzentrieren sich auf den Inhalt. Wie das Dokuemnt nachher konkret aussieht, ist erst einmal uninteressant, und es kann sein, daß Informationen auf verschiedene Weisen präsentiert werden, da sie in verschiedenen Strukturelementen verwendet werden.
Die Präsentation wird definiert, Hyperwave sorgt für Konsistenz. Ohne die Informationen zu verändern, kann die Präsentation angepaßt werden, und benutzerabhängig erfolgen. Dabei können dynamische Parameter verwendet werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden Meta-Daten eingeführt. Hierbei handelt es sich um Attribute, die zu Dokumenten, Links und anderen Objekten gehören können. Beispiele für Attribute sind:

Link Management

Für große Sites ist es erforderlich, die Autoren bei der Verwaltung der Links zu unterstützen. Dadurch bleiben Links konsistent, und sind nur vorhanden, wenn die Ziele vorhanden und der Zugriff erlaubt ist; schreibgeschützte Daten könen verlinkt, aber nicht geändert werden. Links sind dabei unabhängig vom Dokument, und werden dynamisch eingefügt. Links sind bidirektional, dadurch können die Ursprünge herausgefunden werden. Quelle und Ziel können Attribute haben, z.B. Titel, Autor, Erstell-Datum und weitere.

Authoring

Über einige Funktionen wird eine effektive Arbeit ermöglicht. Dateien können in Kollektionen hochgeladen werden, unter Windows werden "virtuelle Folder" angeboten, das sind virtuelle Verzeichnisse, die mit Strukturelementen verknüpft sind. Es gibt einen Publishing Wizard, der dialogbasiert beim Veröffentlichen unterstützt. Es ist eine Open Document Management API vorhanden, dadurch ist eine Schnittstelle zu Standardsoftware und eigenen Programmen vorhanden.

Gleichzeitiges Bearbeiten ("Cooperate Editing") wird unterstützt. Dabei ist ein Locking-Mechanismus und ein Versionsmanagement verfügbar. Dabei ist es möglich, gezielt eine bestimmte Version zu verlinken, oder die jeweils neueste. Die Konfiguration kann mit XML-DTDs verwaltet werden. Es werden Arbeitsabläufe unterstützt, bei denen Aktionen von anderen abhängen: erst nach dem Ariane fertig ist, darf Bert korrigieren, erst dann wird der Vergesetzen Christine das Dokument vorgelegt ("Release Flow").

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, Notizen anzufügen ("Annotations"). Diese können privat sein, für die Gruppe oder ganz öffentlich zugänglich gemacht werden. Dies ist bei Containern und Dokumenten möglich, sie können sogar mit einer Position verknüpft werden.

Diskussionsforen werden unterstützt.

Security

Es gibt ein flexibles Rechtsystem ("fine grained access controls"). Lese-, Schreib- und Löschrechte können getrennt vergeben werden. Dabei können diese einzelnen Benutzern oder Benutzergruppen vergeben werden. Dies kann per Browser administriert werden. Die Authentifikation kann über externe Quellen, z.B. Directory Services (z.B. X.500/LDAP) erfolgen, so daß das System in bereits existierende Benutzer Großdatenbanken ("enterprise class user databases") integriert werden kann.

Selbstverständlich sind auch verschlüsselte Verbindungen über SSL/TLS (RFC 2246, The issued U.S. Patent No. 5,657,390 ["the SSL Patent"]) gefahren werden.

Gentle

Gentle ist ein Aufsatz auf Hyperwave, der es vereinfacht, Online-Lehrkurse zu erstellen. Dabei ist eine Notenverwaltung vorhanden. Dieser Ansatz ermöglicht Online-Kurse vollständig zu verwalten und zu organisieren.

 

 

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Format, Satz und Layout: Steffen Dettmer
Es können geringe Abweichungen von der Vorlesung auftreten. Dieses Dokument ist nicht inhaltlich oder fachlich validiert. Einige Erklärungen wurden minimal erweitert.

Letzte Änderung: , Steffen Dettmer